Das Herz schwimmt meist schon im Gefühl, während der Kopf noch die Schwimmweste sucht.

Es gibt Entscheidungen im Leben, bei denen der Kopf vermutlich gerne noch eine Nacht schlafen würde. Oder zwei. Vielleicht hätte er auch gerne eine Liste mit all den Gründen dafür und dagegen, eine Wettervorhersage und die Gewissheit, dass unterwegs nichts Unvorhergesehenes geschieht.

Das Herz ist währenddessen längst losgeschwommen.

Ich mag dieses Bild, weil darin für mich sehr viel vom Leben steckt. Wir versuchen so oft, Sicherheit zu finden, bevor wir uns auf etwas einlassen. Wir möchten wissen, wohin ein Weg führt, bevor wir den ersten Schritt machen. Wir möchten wissen, ob eine Liebe bleibt, bevor wir uns ihr ganz hingeben. Und wir möchten sicher sein, dass wir nicht enttäuscht werden, bevor wir einem Menschen unser Vertrauen schenken.

Nur funktioniert das Leben so nicht.

Natürlich brauchen wir unseren Verstand. Er hat uns oft genug davor bewahrt, in jedes Wasser zu springen, nur weil gerade die Sonne darauf scheint. Er erinnert uns an Erfahrungen, erkennt Gefahren und lässt uns manches noch einmal überdenken.

Aber er kennt eben auch die Angst.

Die Angst vor dem Scheitern.
Die Angst vor einer Enttäuschung.
Die Angst davor, etwas zu verlieren.
Und manchmal sogar die Angst davor, etwas zu gewinnen, weil sich dadurch unser gewohntes Leben verändern könnte.

Das Herz kennt diese ganzen Berechnungen nicht.

Es spürt.

Es begegnet einem Menschen und weiß plötzlich, dass da etwas ist. Es steht vor einer Entscheidung und zieht uns in eine Richtung, obwohl wir noch gar nicht erklären können, warum. Es lässt uns aufbrechen, obwohl wir das Ziel noch nicht kennen.

Vielleicht ist genau das einer der schönsten Widersprüche unseres Lebens:

Wir verbringen so viel Zeit damit, Sicherheit zu suchen, obwohl viele unserer wertvollsten Erinnerungen dort entstanden sind, wo es vorher keine Sicherheit gab.

Kein Mensch kann uns versprechen, dass eine Liebe für immer bleibt. Kein neuer Weg trägt ein Schild mit der Aufschrift „Hier wirst du glücklich“. Und kein Gefühl gibt uns eine Garantie dafür, dass wir niemals verletzt werden.

Aber ich möchte deshalb nicht am Ufer meines Lebens stehen bleiben.

Ich möchte meinem Kopf seine Schwimmweste lassen. Er darf sie suchen, prüfen und sich vergewissern, ob sie auch wirklich richtig sitzt.

Nur eines darf er nicht:

mein Herz zurück ans Ufer holen, wenn es längst gespürt hat, dass es schwimmen möchte.

Denn vielleicht braucht das Leben gar nicht immer unseren ganzen Mut.

Vielleicht braucht es manchmal nur diesen kleinen Augenblick, in dem wir unserem Herzen erlauben, ein paar Meter vorauszuschwimmen.

Der Kopf kommt schon hinterher.