Leseprobe:

S’agapo
Ein Sommer auf Kos

Prolog

“Er wollte sich nicht mehr verlieren.
Nicht mehr suchen oder finden.
Er wollte sich einfach behalten.“

Es war eine dieser lauen, lebendigen Nächte in Kos-Stadt. Entlang der quirligen „Bar Street“ am Hafen und durch die verwinkelten Gassen ringsum pulsierte das Leben.

Die schmalen Seitenstraßen, die ihm beim morgendlichen Joggen so verträumt und romantisch erschienen waren, verwandelten sich nach Sonnenuntergang in Treffpunkte voller Lachen, Musik und Stimmen – Orte, an denen das Vergnügen bis in den Morgen währte. Die Bougainvillea, deren Blüten in Weiß, Gelb, Orange, Rosa, Pink, Lila und Rot leuchteten, blieb den Nachtschwärmern oft verborgen.

Er lächelte. Noch vor vier Wochen hätte er kaum eine Pflanze benennen können, geschweige denn diese Schönheit gekannt. Jetzt genügte es ihm, vor einer Bougainvillea stehen zu bleiben, ihre Farben zu bestaunen und zu spüren, wie etwas in ihm aufleuchtete. Diese Pflanze aus der Familie der Wunderblumengewächse hatte seine Gefühlswelt verändert. Ebenso wundersam waren die vergangenen vier Wochen gewesen – und der zarte Beginn seiner Gefühle für Ioanna, ausgelöst durch ein beiläufiges Gespräch über genau diese Blume.

Er schlenderte am Hafen entlang, vorbei an Booten, deren Besitzer Touren zu den Nachbarinseln anpriesen. Jahrelang war er nach Kos gekommen, ohne je nach Kalymnos, Nisyros oder Leros überzusetzen. Doch vor zwei Wochen war er mit Ioanna von Mastichari nach Kalymnos gefahren – ein Ausflug, der sich anfühlte wie der Beginn eines neuen Kapitels. Mit ihr wollte er diese Fahrt immer wieder erleben. Vielleicht sogar eines Tages bleiben.

Als er den Kreisverkehr passierte und in die Kanari Street einbog, drangen Klänge griechischer Musik aus dem „Bianco Nero“ zu ihm herüber. Maria, Nikos und ihre Bandkollegen schufen mit ihren Liedern eine Atmosphäre, die ihn innehalten ließ. Er lauschte den Melodien – und spürte eine Sehnsucht, für die er keinen Namen hatte. Ein leises Echo seiner Gefühle.

Ein paar Straßen weiter wartete das „Patriko“ mit seinen bunten Farben, den verlockenden Düften und seiner herzlichen Geselligkeit. Ein Ort, an dem Emotionen lebendig wurden, noch bevor Worte sie beschreiben konnten.

Seit seiner Scheidung vor zehn Jahren kam er dreimal im Jahr nach Kos. Die Insel war zu einem Seelenort geworden, einem zweiten Zuhause. Ein Freund aus München hatte ihm das „Deep Oceanis Blue“ in Psalidi empfohlen. Eigentlich hatte er nach Kreta gewollt, doch die Begeisterung seines Freundes ließ ihn umdenken. Nach der Trennung von Marlene – die ihm vor Augen geführt hatte, wie sehr schöne Erinnerungen schmerzen können –, suchte er neue Erlebnisse. Im Urlaub und im Leben.

Die Zeit auf Kos schenkte ihm Raum. Raum, der den Geschmack des Lebens zurück in seine Seele spülte. Die Stunden dort lehrten ihn, dass er nichts weiter war als ein Kieselstein im Meer.

Damals, vor zehn Jahren, war er derselbe Mensch gewesen – und doch ein völlig anderer. Diese Zeit lag wie hinter einer Nebelwand. Nur manchmal krochen kleine Dämonen daraus hervor und erinnerten ihn an den Mann, der er nie wieder sein wollte.

Er wollte sich nicht mehr verlieren. Nicht mehr suchen oder finden. Er wollte sich einfach behalten. Selbst sein Gefühl staunte über die Wege, die es gegangen war. Es war ein langer Lernprozess gewesen, sein Leben so zu gestalten, dass er in seinem eigenen Gefühl endlich ein Zuhause fand.

Es gibt diesen Augenblick im Leben, in dem man spürt, dass eine Geschichte zu Ende erzählt ist. Und gleichzeitig beginnt eine neue – leise, aber bestimmt. Michael erlebte diesen Moment. Und er wusste nun, was seine neue Geschichte erzählen sollte: Dass er bereit war, Neues zu wagen. Bereit, zu scheitern, zu lernen, zu wachsen. Und dankbar zu sein – nicht für das, was hätte sein können, sondern für das, was ist.

Jetzt war da Ioanna. Mit ihr wollte er die verbrauchten Gefühle abstreifen. Und wenn sie dann beide entblößt wären, wollte er spüren, dass er nie wieder Vergangenes zwischen sich und das Leben legen wollte.

Sein Spaziergang führte ihn in den Garten der Music Bar „Portico“, hinter der Markthalle am Platz der Freiheit – dem Eingang zur „Old Town“, der Einkaufsmeile von Kos-Stadt. Er bestellte ein eisgekühltes, alkoholfreies Amstel und setzte sich unter die alten Bäume. Dort spielte Lefteris, einer der besten Saxophonisten Griechenlands, jeden Samstagabend verträumte, romantische Melodien. Michael hatte ihn vor einigen Jahren kennen und schätzen gelernt.

Als Lefteris ihn entdeckte, lächelte er und begann kurz darauf, „She“ zu spielen – das Lied von Aznavour, das durch Elvis Costello im Film „Notting Hill“ berühmt geworden war. Michael schloss die Augen, weil er dann sein Herz besser hören konnte. Und zum warmen, weichen Klang des Saxofons begann er zu reisen – vier Wochen zurück. Dorthin, wo alles mit Ioanna begonnen hatte.

Kapitel I

“Manche Orte nehmen Besitz von uns,
Sie werden Teil unserer Geschichte –
auch wenn wir nur Besucher sind.“

Süß und würzig zugleich, vermischt mit dem salzigen Hauch des Meeres und dem Staub alter Steine. Er hatte ihn nicht sofort einordnen können, diesen Geruch, der ihn an jenem Nachmittag vor vier Wochen innehalten ließ. Die Sonne stand hoch über der Agora, und die meisten Touristen hatten sich längst in klimatisierte Restaurants und Cafés zurückgezogen. Er liebte diese Stunden der Mittagshitze, wenn die antiken Ruinen fast menschenleer waren und er allein zwischen den Säulen wandeln konnte.

Die Stille war dann so vollkommen, dass er manchmal glaubte, die Stimmen der alten Griechen zu hören – als diskutierten sie noch immer über Philosophie und Politik. Manchmal stellte er sich vor, einer von ihnen zu sein. Nur für einen Augenblick. Jemand mit Stimme. Mit Geschichte.

Doch an diesem Tag durchbrach eine Stimme die Ruhe – eine Frauenstimme, die auf Deutsch sprach. Er runzelte die Stirn. Deutsch? Hier? Er folgte dem Klang und entdeckte eine kleine Gruppe Touristen, die sich um eine wild wuchernde Bougainvillea versammelt hatten. Ihre violetten Blüten kaskadierten über eine antike Mauer.

„Die Bougainvillea ist eigentlich gar keine Blume“, hörte er die Frau sagen. Ihre Stimme hatte einen melodischen Akzent, den er nicht sofort einordnen konnte. „Was wir für Blüten halten, sind in Wahrheit gefärbte Hochblätter. Die eigentlichen Blüten sind winzig und unscheinbar.“

Er trat näher, blieb aber ein wenig abseitsstehen und hörte zu.

Was tue ich da eigentlich?

Doch er blieb. Sie kniete neben der Pflanze, ihr dunkles Haar zu einem lockeren Knoten gebunden, ein paar Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Ihre Hände bewegten sich behutsam zwischen den dornigen Zweigen, als würde sie eine alte Freundin begrüßen.

Er hielt den Atem an. Etwas an ihrer Geste war so … vertraut.

Ob sie weiß, wie das aussieht? Wie zärtlich das wirkt?

„Wie bei vielem im Leben“, fuhr sie fort und blickte zu ihrer kleinen Zuhörerschaft auf, „ist das Offensichtliche oft nicht die ganze Wahrheit. Man muss genauer hinschauen.“

Ihr Blick streifte seine Richtung. Für einen Moment trafen sich ihre Augen.

Sein Magen verkrampfte sich leicht. Nicht wegblicken. Nicht jetzt.

Sie lächelte – kein höfliches Touristenlächeln, sondern etwas Wärmeres, Echtes. Dann wandte sie sich wieder der Gruppe zu. Doch in diesem kurzen Moment war in ihm etwas verrutscht. Als hätte jemand eine Saite angeschlagen, von der er nicht wusste, dass sie noch gespannt war.

Er hätte weitergehen sollen. Zurück zu seinem Hotel. Zu seinem Buch am Pool. Zu seinen gewohnten Gedanken.

Ein Nachmittag wie jeder andere – einer unter vielen. Stattdessen blieb er stehen. Und lauschte weiter.

Die Gruppe löste sich langsam auf. Die Touristen wanderten zu den nächsten Ruinen, Kameras klickten, Stimmen entfernten sich. Nur sie kniete noch immer neben der Bougainvillea und hob behutsam einige der gefallenen,
violetten Hochblätter auf.

Er wusste nicht, was ihn dazu brachte, auf sie zuzugehen. Vielleicht war es die Art, wie sie die Blätter in ihrer Hand betrachtete, als würde sie darin ein Geheimnis lesen.

Vielleicht war es nur Neugier – auf diese Frau, die mit so viel Wissen und Sanftheit über Pflanzen sprach.

„Entschuldigung“, hörte er sich sagen. Seine Stimme klang ihm fremd. „Sind Sie Botanikerin?“

Sie blickte auf. Wieder dieser Blick – dunkelbraune Augen mit goldenen Sprenkeln, offen, aufmerksam. Nicht prüfend, nicht misstrauisch. Einfach … interessiert.

„Nein“, sagte sie und erhob sich. Ein Lächeln lag in ihren Mundwinkeln. „Nur eine Hobbysammlerin von Geschichten. Und Sie? Sammeln Sie auch etwas?“

Die Frage traf ihn unvorbereitet. Was sammelte er? Einsamkeit? Unausgesprochene Gedanken? Augenblicke wie diesen, in denen er fast vergaß, wer er war?

„Schweigen“, sagte er spontan – und erschrak über seine eigene Ehrlichkeit. „Ich sammle … Stille.“

Sie nickte leicht den Kopf, als würde sie seine Worte abwägen. „Das ist eine seltene Sammlung. Und eine wertvolle.“

Ein Windhauch trug den Duft der Bougainvillea zu ihnen herüber – süß und würzig, vermischt mit dem salzigen Hauch des Meeres. Derselbe Duft, der ihn hatte innehalten lassen.

„Ich bin Ioanna“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Ihre Finger waren warm, ihr Duft trug Spuren der Blüten.

„Michael“, erwiderte er und spürte, wie ungewohnt es war, seinen eigenen Namen auszusprechen. Wann hatte ihn zuletzt jemand gefragt?

„Michael“, wiederholte sie, als würde sie den Namen kosten. „Schön. Und sammeln Sie hier auf Kos schon lange Schweigen?“

Er musste lächeln – zum ersten Mal seit Wochen ein echtes Lächeln. „Sehr oft. Aber ich schmecke dabei immer den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Es ist ein ergiebiger Ort dafür.“

Ioanna lachte leise – ein Klang wie das Rascheln von Blättern im Wind. „Das kann ich mir vorstellen. Diese alten Steine haben schon so viele Geschichten gehört – da wird Schweigen kostbar.“

Sie gingen nebeneinander durch die Ruinen. Michael spürte eine seltsame Ruhe in sich. Normalerweise machten ihn Gespräche mit Fremden nervös. Aber bei Ioanna fühlte sich sogar das Schweigen natürlich an.

„Wissen Sie“, sagte sie schließlich, als sie vor den Überresten eines Tempels stehen blieben, „manchmal denke ich, dass Berührungen nicht nur körperlich sind. Worte,
Blicke – sogar die Art, wie jemand schweigt – können uns berühren.“

Michael blieb stehen. Ihre Worte trafen etwas tief in ihm, etwas, das er lange verschüttet geglaubt hatte.

„Berührungen … mit verwobenen Gefühlen“, sagte er leise. Ioanna sah ihn an, und in ihrem Blick lag Verstehen. „Ja. Und manchmal hinterlassen sie Narben in unseren Gedanken. Aber nicht alle Narben sind schlecht, oder?“

Er dachte an seine eigenen Narben – die gescheiterte Ehe, verlorene Träume, das stumme Alleinsein. Vielleicht hatte Ioanna recht. Vielleicht waren diese Spuren nicht nur Schmerz – sondern auch Zeugnisse des Überlebens.

„Ich glaube“, sagte er langsam, „unsere Seelen finden manchmal sanft nach Hause, ohne dass wir es merken.“

„Sanft nach Hause“, wiederholte sie. „Das gefällt mir.“

Sie standen dort – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Schweigen und Worten. Und Michael spürte, wie sich etwas in ihm zu öffnen begann. Wie eine Blüte, die – vielleicht zum ersten Mal – bereit war, sich zu zeigen. Auch wenn diese Blüte, wie bei der Bougainvillea, gar keine echte war.

Michael stand noch immer zwischen den antiken Steinen, während Ioannas Worte über die Wellen des Meeres, die nie aufhören, das Land zu küssen, in der warmen Nachmittagsluft nachklangen. Das ferne Rauschen des Meeres vermischte sich mit dem Summen der Zikaden, und plötzlich verstand er: Manche Augenblicke vergehen nicht. Sie setzen sich wie Sediment ab. Schicht um Schicht, bis sie zu etwas Festem werden. Zu einem Fundament für das, was kommen könnte.

„Wissen Sie“, sagte Ioanna und ließ ihren Blick über die Ruinen schweifen, „ich komme jeden Tag hierher. Nicht als Touristenführerin – das war heute eine Ausnahme für Bekannte aus Deutschland. Normalerweise komme ich allein.“ Sie hielt kurz inne, als würde sie überlegen, ob sie weitersprechen sollte. „Nach dem Morgengrauen, wenn die Steine noch kühl sind und die ersten Sonnenstrahlen sie berühren. Es ist, als erwache die Geschichte.“

Michael nickte bedächtig. Er verstand das Bedürfnis nach stillen Augenblicken, nach Orten, die uns aufnehmen, ohne Fragen zu stellen.

„Ich gehe morgens joggen“, sagte er. „Meist am Hafen entlang, manchmal durch die leeren Gassen der Altstadt. Es ist die einzige Zeit, in der die Insel mir zu gehören scheint.“

„Vielleicht gehören wir auch ihr“, erwiderte Ioanna mit einem nachdenklichen Lächeln. „Manche Orte nehmen Besitz von uns, nicht wahr? Sie werden Teil unserer Geschichte – auch wenn wir nur Besucher sind.“

Ein Schatten glitt über das antike Pflaster – eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Michael bemerkte, wie sich die Temperatur veränderte. Doch da war noch etwas anderes: Eine Vertrautheit, mit der er nicht gerechnet hatte. Ioanna war eine Fremde, und doch fühlte es sich an, als setzten sie ein Gespräch fort, das lange vor diesem Tag begonnen hatte.

„Zehn Jahre komme ich schon hierher“, hörte er sich sagen. „Dreimal im Jahr. Und heute … heute fühlt es sich zum ersten Mal anders an.“

Ioanna wandte sich ihm zu. Ihre Augen waren aufmerksam und warm.

„Anders, wie?“

Michael suchte nach Worten für etwas, das er selbst kaum begreifen konnte.

„Als wäre ich nicht mehr nur zu Besuch. Als würde ich … ankommen.“

Die Worte standen zwischen ihnen wie Staubpartikel im Licht – sichtbar, aber flüchtig. Ioanna nickte behutsam, als verstünde sie etwas, das er noch nicht aussprechen konnte.

„Manchmal braucht es nur einen anderen Blick“, sagte sie leise. „Jemanden, der uns zeigt, was wir übersehen haben – auch in uns selbst.“

Sie gingen weiter, ihre Schritte synchron, ohne dass sie es geplant hätten. Michael bemerkte, wie Ioanna gelegentlich innehielt, um eine Blüte zu betrachten oder ihre Hand über das warme Gestein gleiten zu lassen. Es war, als würde sie mit der Insel kommunizieren in einer Sprache, die er zu lernen begann.

„Arbeiten Sie hier auf Kos?“, fragte er schließlich.

„In gewisser Weise. “ Ioanna lächelte geheimnisvoll. „Ich übersetze. Nicht nur Sprachen – auch Geschichten, Gefühle, Augenblicke wie diese. Manchmal für Menschen, die ihre eigenen Worte verloren haben.“

Michael blieb stehen. Diese Beschreibung traf ihn wie ein Echo seiner eigenen Sehnsucht.

„Übersetzen Sie auch Schweigen?“

„Besonders das“, antwortete sie und ihre Augen leuchteten auf. „Schweigen ist oft die ehrlichste Sprache von allen.“

Die Sonne war tiefer gewandert, und die Schatten der Säulen wurden länger. Michael realisierte, dass sie schon über eine Stunde zusammen durch die Ruinen gewandelt waren, und es fühlte sich an wie Minuten. Oder wie Jahre. Zeit schien hier anderen Gesetzen zu folgen.

„Ich sollte Sie nicht länger aufhalten“, begann er, obwohl jede Faser in ihm dagegen protestierte.

„Sie halten mich nicht auf“, unterbrach Ioanna ihn sanft.

„Sie begleiten mich. Das ist etwas völlig anderes.“

Diese einfachen Worte trafen Michael mit unerwarteter Wucht. Wann hatte ihn zuletzt jemand begleitet, anstatt ihn zu ertragen oder zu verlassen? Wann hatte er zuletzt jemanden begleitet, ohne sich selbst dabei zu verlieren?

„Morgen früh“, sagte er impulsiv, „nach meiner Joggingrunde … würden Sie mir vielleicht zeigen, wie die Ruinen im Morgengrauen aussehen?“

Ioanna lächelte – dieses warme, echte Lächeln, das ihre ganzen Züge erhellte. „Gerne. Aber nur, wenn Sie mir im Gegenzug zeigen, wo Sie Ihr Schweigen am liebsten sammeln.“

Michael lachte – ein Klang, der ihm selbst fremd vorkam nach so langer Zeit. „Abgemacht. Obwohl ich nicht sicher bin, ob man geteiltes Schweigen noch Schweigen nennen kann.“

„Vielleicht wird es zu etwas noch Schönerem“, sagte Ioanna. „Vielleicht wird es zu Verstehen.“

Sie trennten sich schließlich vor dem Ausgang der Agora, aber nicht, ohne dass sich ihre Hände kurz berührten – eine Berührung, die wie ein Versprechen war. Michael ging zurück zu seinem Hotel, und mit jedem Schritt empfand er, wie sich etwas in ihm veränderte. Die Wellen des Meeres, die rhythmisch an die Küste schlugen, schienen einen neuen Klang zu haben – nicht mehr melancholisch und einsam, sondern erwartungsvoll und lebendig.

Als er später auf seiner Terrasse saß und den Sonnenuntergang betrachtete, dachte er an Ioannas Worte über Berührungen, die mehr sind als nur körperlich. Heute hatte ihn etwas berührt – nicht nur ihre Hand, sondern ihre Art zu sehen, zu verstehen, zu sein. Es war, als hätte sie eine Tür geöffnet, die er längst verschlossen geglaubt hatte.

Die Bougainvillea auf der Terrasse des Nachbarhotels leuchtete violett im Abendlicht, und Michael lächelte. Morgen würde er lernen, wie die Welt aussieht, wenn man sie durch Ioannas Augen betrachtet. Und vielleicht – nur vielleicht – würde er dabei auch lernen, sich selbst wieder zu sehen.

Die Wellen des Meeres küssten das Land in ewiger Wiederkehr. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand Michael, dass auch sein Herz bereit war für solche Küsse.
Bereit für Begegnungen, die nicht vergehen, sondern bleiben und wachsen wie die Erinnerung an einen Nachmittag zwischen antiken Steinen und neuen Möglichkeiten.

***

Das Morgengrauen kam leise über Kos-Stadt – als wollte die Nacht nur zögerlich dem neuen Licht weichen. Michael stand bereits seit zwanzig Minuten am vereinbarten Treffpunkt vor der Agora.

Die Nervosität in ihm wuchs. Mit sechzig Jahren hätte er nicht gedacht, solche Aufregung noch zu erleben – und doch war sie da: warm, kribbelnd, fast jugendlich. Ein freiberuflicher Autor, der seine Joggingrunde abgekürzt hatte, weil seine Gedanken längst bei Ioanna waren.

Was, wenn gestern nur ein Moment war? Ein schöner Zufall, der heute seine Magie verliert?

Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Diese Zweifel waren alt – wie Schatten, die ihn seit der Trennung von Marlene begleiteten. Zehn Jahre war das her, und noch immer hallten ihre Worte nach: „Du bist wie ein Museum, Michael. Schön anzusehen – aber man fühlt sich nie willkommen genug, um zu bleiben.“

Diese Sätze hatten sich tief in ihm eingebrannt. Seitdem lebte er mit der Angst, zu viel zu geben. Oder zu wenig zu sein.

„Kalimera, Michael.“

Er drehte sich um. Ioanna kam auf ihn zu – in der Hand ein kleiner Thermobehälter und zwei Tassen. Sie strahlte eine Ruhe aus, die nichts mit dem Alter zu tun hatte, sondern mit Erfahrung. Sie war etwas größer als er – vielleicht einen Meter achtzig – was ihm mit seinen 1,75 eine neue Perspektive eröffnete. Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid, das im ersten Morgenlicht zu leuchten schien. Ihr Haar fiel offen über ihre Schultern, und in ihren Augen lag dieselbe Wärme wie am Vortag.

„Kalimera“, erwiderte er. Seine Anspannung wich mit einem Mal. Wieder war es da – dieses seltsame Gefühl von Vertrautheit.

„Griechischer Kaffee“, sagte sie und hob die Kanne hoch. „Für unsere kleine Morgenwanderung. Meine Yiayia aus Kalymnos pflegte zu sagen: ‚Ein Tag ohne Kaffee ist wie ein Garten ohne Sonne.‘ Dort bin ich vor 52 Jahren auf die Welt gekommen, aber Kos ist mein Zuhause geworden.“

Michael lächelte. „Ihre Großmutter klingt weise.“

Ein kurzer Schatten huschte über ihr Gesicht. „War. Sie war es.“ Dann schüttelte sie den Kopf, als wollte sie den Gedanken abschütteln. „Aber heute ist ein neuer Tag. Kommen Sie.“

Sie führte ihn durch das Tor in die Agora. Die Ruinen lagen noch im Dämmerlicht, und tatsächlich: Sie wirkten vollkommen anders als gestern. Die Steine schimmerten golden-grau, und über allem lag eine friedliche Stille, nur durchbrochen vom fernen Rauschen des Meeres und dem gelegentlichen Ruf einer Möwe.

„Es ist magisch“, flüsterte Michael, aus Furcht, die Stille zu stören.

„Jeden Morgen aufs Neue“, antwortete Ioanna und goss Kaffee in die mitgebrachten Tassen.

„Hier spüre ich am deutlichsten, dass manche Dinge bleiben – während alles andere vergeht.“

Sie setzten sich auf eine alte Steinbank mit Blick aufs Meer. Der Kaffee war stark und süß – wie gemacht für diesen Moment zwischen Nacht und Tag.

„Erzählen Sie mir von Ihrer Sammlung“, bat Ioanna nach einer Weile. „Wo sammeln Sie Ihr Schweigen am liebsten?“

Michael zögerte. Sollte er ihr von den Abenden auf seiner Terrasse erzählen, wenn die Stadt unter ihm summte und er sich doch völlig allein fühlte? Von den Spaziergängen unter Menschen, bei denen er sich wie ein Geist vorkam?

„Überall“, antwortete er schließlich. „Aber das klingt seltsamer, als es ist. Es ist nicht so, dass ich das Schweigen suche – es findet mich.“

Ioanna nickte bedächtig. „Nach Dimitris’ Tod war ich umgeben von Schweigen. Es war, als hätte sich ein Vorhang über die Welt gelegt.“

Michael spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Dimitris. Ihr verstorbener Mann. Die Art, wie sie seinen Namen aussprach – so zärtlich, so voll Erinnerung.

Natürlich. Eine Frau wie sie ist nicht allein, weil sie es wählt.

„Wie lange ist es her?“ fragte er behutsam.

„Drei Jahre.“ Sie blickte auf das Meer. „Herzinfarkt. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Aus unserem Leben wurde MEIN Leben. Ein einziges Wort – aber es verändert alles. Ich übersetze beruflich – Sprachen, Geschichten, Gefühle. Aber ‚unser’ zu ‚mein’? Das war die schwerste Übersetzung.“

Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach. „Jetzt arbeite ich ehrenamtlich mit Kindern. Sie erinnern mich daran, dass das Leben weitergeht. Auch wenn man manchmal glaubt, es steht still.“

Michael nickte verstehend. Er kannte das Gefühl. Auch wenn es bei ihm kein Tod war, sondern die Erkenntnis, dass gemeinsame Zeit nicht automatisch gemeinsames Leben bedeutete.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

„Danke.“ Sie wandte sich ihm zu. „Aber wissen Sie, was am schwersten war? Nicht die Trauer – die ist notwendig. Das Schwerste war, zu lernen, dass es okay ist, weiterzuleben. Zu lachen. Schönheit zu sehen. Wieder zu fühlen.“

Ihre Stimme wurde sanfter, und Michael begriff, dass sie nicht nur über die Vergangenheit sprach.

„Manchmal fühlt es sich wie Verrat an“, gestand er. „Wenn man merkt, dass man bereit ist, neu zu lieben. Als würde man Erinnerungen beschmutzen.“

Sie sah ihn eindringlich an. „Sie verstehen das.“

Es war keine Frage. Michael nickte. „Anders als bei Ihnen – aber ja. Man lernt, sich schuldig zu fühlen fürs Glücklichsein.“

Sie schwiegen, während die Sonne stieg und das Licht die Steine in Gold tauchte. Zwischen ihnen entstand eine Nähe, die über Worte hinausging. Zwei Menschen, die gelernt hatten, dass Liebe schmerzen kann – und dass Nähe ein Risiko ist.

„Meine Familie meint, ich sollte längst wieder verheiratet sein“, bemerkte Ioanna unvermittelt. „Eine Frau meines Alters ohne Mann – das macht sie nervös. Besonders wenn sie ihre Zeit mit fremden Männern verbringt.“

Michael hörte die Betonung bei „fremden Männern“. Er verstand. Er war nicht nur ein Mann. Er war ein Ausländer. Ein Besucher.

„Und Sie?“, fragte sie. „Was sagt Ihre Familie zu Ihren Reisen?“

„Meine Schwester behauptet, ich laufe vor dem Leben davon“, erwiderte er. „Sie versteht nicht, warum ich dreimal im Jahr nach Griechenland fahre, statt eine neue Beziehung zu suchen.“ Er lachte bitter. „Dabei war das nie die Flucht. Die Insel ist mein Zuhause geworden.“

„Und jetzt?“

Ihre Frage blieb zwischen ihnen wie eine Brücke, die sich nur gemeinsam betreten ließ. Michael atmete tief.

„Jetzt frage ich mich, ob ein Zuhause nicht mehr als nur ein Ort ist.“

„Vielleicht ist es ein Gefühl“, erwog Ioanna. Dann – fast flüsternd „Oder ein Mensch.“

Die Sonne war nun ganz aufgegangen. Die Magie des Morgens wich der Klarheit des Tages. Aber zwischen ihnen war etwas entstanden – zerbrechlich, kostbar. Beide spürten es. Und beide wagten es.

„Ich habe Angst“, gestand Michael plötzlich. Die Worte waren da, bevor er sie aufhalten konnte.

„Wovor?“

„Vor allem. Davor, wieder zu fühlen. Davor, dass Sie sehen, wer ich bin – und gehen. Davor, dass ich zu wenig bin. Oder zu viel.“ Er lachte unsicher. „Ich bin acht Jahre älter. Ich lebe in einem anderen Land. Ihre Familie wird mich hassen.“

Ioanna stellte ihre Tasse ab. Ihr Blick war ernst, ruhig.

„Dimitris war zwölf Jahre älter. Als wir uns kennenlernten, sagten alle, es würde nie funktionieren. Wissen Sie, was er damals zu mir gesagt hat?“

Michael schüttelte den Kopf.

„Er sagte: ‚Agapi mou‘ – die Leute reden immer. Aber am Ende des Tages schläfst du nicht mit ihrer Meinung ein. Du schläfst mit deinem Herzen ein. Und das sollte ruhig sein.‘“

Michael schluckte. „Und? War es das? Ruhig?“

Ein sanftes, wehmütiges Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Achtzehn Jahre lang. Jeden Abend.“

Sie standen auf. Doch der Zauber des Morgens blieb bei ihnen, als sie sich dem Tor der Agora näherten. Ioanna blieb stehen.

„Michael?“

„Ja?“

„Ich habe auch Angst.“

Diese wenigen Worte bedeuteten ihm mehr als alle Versicherungen. Denn sie machten das, was zwischen ihnen wuchs, menschlich. Echt.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er.

Ioanna zögerte. Dann: „Wir nehmen es Tag für Tag. Lassen zu, was kommen will. Erwarten nichts. Halten nicht fest, was noch fliegen lernen muss.“

„Und wenn die Leute reden?“

„Dann reden sie.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber sie werden uns nicht das Glück stehlen, das vielleicht möglich ist.“

Michael nickte. Es war ein Anfang. Vorsichtig, ängstlich – aber ehrlich. Zum ersten Mal seit Jahren spürte er – Angst musste nicht das Ende einer Geschichte sein. Vielleicht war sie der Anfang.

„Wollen wir morgen nach Lagoudi fahren?“, sagte
Ioanna, als sie vor dem Hoteleingang standen.

„Ich hole dich um zehn Uhr ab und …“ Sie zögerte einen Moment, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. Sie waren längst ganz selbstverständlich zum Du übergegangen. „Ich würde dir damit gerne eine kleine Freude machen und …“ – sie stockte kurz, dann sah sie ihm direkt in die Augen – „ich will dich wiedersehen.“

Michael spürte, wie sich seine Brust weitete. Die Ehrlichkeit in ihrer Stimme, die Art, wie sie es gesagt hatte – ohne Koketterie, ohne Spiel, einfach nur wahr.

„Alle Worte würden nur falsch ausdrücken“, antwortete er leise, „was uns beide gerade glücklich macht.“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht – zart und dankbar zugleich.

„Bis morgen“, sagte sie.

„Bis morgen“, erwiderte er.

***

Der Rest des Tages verging für Michael wie in einem warmen Nebel. Nach ihrem Morgengespräch in der Agora war er zu seinem Hotel zurückgekehrt. Er hatte versucht zu lesen, am Pool zu entspannen, seine gewohnten Routinen zu befolgen. Doch seine Gedanken kreisten unaufhörlich um Ioanna – um die Art, wie sie seinen Namen ausgesprochen hatte, um das Verstehen in ihren Augen, um die Ehrlichkeit ihrer Worte über Angst und Hoffnung.

Am Nachmittag ging er durch die Gassen der Altstadt, vorbei an den kleinen Geschäften und Tavernen. Überall sah er nun Bougainvillea-Sträucher, die ihm zuvor nie aufgefallen waren.

Violette, rosa, weiße Blüten – wie hatte er sie all die Jahre übersehen können? Es war, als hätte Ioanna ihm nicht nur etwas über Pflanzen erklärt, sondern ihm die Augen für eine ganze Welt geöffnet, die immer da gewesen war.

Beim Abendessen im „Petrino“ am Hauptplatz beobachtete er die anderen Gäste – Paare, die sich leise unterhielten, Familien mit Kindern, Freunde beim Wein. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich nicht wie ein Außenseiter, der durch fremde Leben blickte. Stattdessen spürte er eine leise Vorfreude auf morgen, auf Lagoudi, auf die Zeit mit Ioanna.

Als er später auf seiner Hotelterrasse saß und das nächtliche Meer betrachtete, dachte er an ihre Worte über das Herz, das ruhig sein sollte. Sein Herz war alles andere als ruhig – es pochte mit einer Lebendigkeit, die er schon vergessen geglaubt hatte. Aber es war eine andere Art der Unruhe als die, die ihn seit Jahren begleitete. Das war nicht die Unruhe der Einsamkeit oder des Zweifels. Das war die Unruhe der Möglichkeit.

Er ging früh schlafen, aber der Schlaf kam nur
stockend. Immer wieder wachte er auf und dachte an morgen. Um zehn Uhr würde sie kommen. Zehn Uhr war noch so weit weg und doch schon bedrohlich nah. Was, wenn das Tageslicht die Magie des Morgengrauens zerstörte? Was, wenn sie es sich anders überlegte?

„Man sollte dem Gefühl Aussicht schenken”, sagte sie sanft, „und ihm das Vertrauen geben, fliegen zu können – weil es weiß, dass es frei ist.”

***

Gleich würde sie kommen. Seine Hände waren feucht, obwohl die Hitze des Tages noch nicht richtig begonnen hatte. Was zog man zu einem ersten Ausflug mit einer Frau an, die einen völlig aus der Bahn warf? Er hatte sich für eine blaue Leinenhose und ein legeres weißes T-Shirt mit Knopfkragen entschieden – weil ihn das am ehrlich-sten zeigte. Er liebte inzwischen die lockere, leichte Inselkleidung. Dazu barfuß in den blauen Leinenslippern – so fühlte er sich komplett.

Das leise Brummen eines Motors ließ ihn aufblicken. Ein roter Fiat 500 Cabrio bog um die Ecke, das Verdeck geöffnet. Michaels Herzschlag beschleunigte sich. Ioanna. Selbst aus der Entfernung erkannte er ihre dunklen
Locken, die im Fahrtwind tanzten.

Sie parkte direkt vor ihm und stieg aus, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ihr Kleid war schlicht – blau mit kleinen Blumen, die wie Vergissmeinnicht aussahen. Es umschmeichelte ihre Figur auf eine Weise, die nicht kokettierte, sondern einfach nur war. Pure Weiblichkeit ohne Anstrengung. Sie wollte nicht schön sein, dachte Michael. Sie war es einfach.

„Kalimera, Michael“, sagte sie mit diesem Lächeln, das ihm bereits gestern den Atem geraubt hatte. „Bereit für eine kleine Flucht?“

„Flucht?“ Er stieg in den Beifahrersitz, der Duft ihres Parfüms – etwas mit Jasmin und Meeresbrise – umhüllte ihn.

„Vor den Touristenmassen. “ Sie legte den ersten Gang ein, und der kleine Wagen schnurrte wie eine zufriedene Katze. „Wir fahren nach Lagoudi, zum Café Orea Elias. Kennst du es? “

Michael schüttelte den Kopf und sah zu, wie sie geschickt durch die schmalen Straßen von Psalidi navigierte. Ihre Hände am Lenkrad waren sicher, elegant. Alles an ihr schien mühelos.

„Die meisten Touristen fahren direkt nach Zia“, erklärte sie, während sie auf die Hauptstraße einbog. „Du weißt schon – das berühmte Bergdorf mit dem spektakulären Sonnenuntergang. Jeden Abend kommen die Busse der Reiseagenturen angefahren, gelb und rot und voller Menschen mit Kameras. Es ist wie ein Ameisenhaufen dort oben.“

Michael lachte. „Und du magst keine Ameisenhaufen?“

„Nicht besonders.“ Sie warf ihm einen seitlichen Blick zu, und für einen Moment vergaß er zu atmen. „Aber versteh mich nicht falsch – Zia ist wunderschön. Die Aussicht ist atemberaubend, und der Sonnenuntergang wirklich spektakulär. Nur … es ist so laut geworden. So hektisch. Früher war es ein verschlafenes Bergdorf, wo die Großmütter noch vor ihren Häusern saßen und Spitze häkelten. Heute ist es ein Geschäft.“

Die Straße begann zu steigen, und Ioanna schaltete herunter. Der Motor brummte etwas lauter, aber es war ein zufriedenes Geräusch. Um sie herum wurde die Landschaft wilder, ursprünglicher. Olivenhaine wechselten sich mit kargen Felsen ab, und in der Ferne funkelte das Meer wie geschmolzenes Silber.

„Vierzig Minuten von Psalidi“, murmelte Ioanna, als würde sie seine Gedanken lesen. „Aber es fühlt sich an wie eine andere Welt, nicht wahr?“

Sie hatte recht. Je höher sie fuhren, desto mehr schien die Zeit sich zu verlangsamen. Die Serpentinen wurden enger, die Aussicht spektakulärer. Kleine blaue Kuppeln von Kapellen blitzten zwischen den Bäumen auf – wie Juwelen in der Landschaft verstreut.

„Siehst du das?“ Ioanna deutete auf eine besonders malerische kleine Kirche, die wie ein Spielzeug auf einem Felsvorsprung thronte. „Meine Großmutter hat dort geheiratet. 1952. Sie hat immer gesagt: ‚To agapo den einai monon lekseis’ – Liebe sind nicht nur Worte.“

Michael spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Die Art, wie sie das sagte, die Melancholie in ihrer Stimme – es machte sie noch schöner. Noch echter.

„Und deshalb fahren wir nach Lagoudi?“, fragte er leise.

Sie nickte und bog in eine noch schmalere Straße ein. „In Lagoudi sind wir fast allein. Das Café liegt unterhalb von Zia, versteckt zwischen Olivenbäumen. Die meisten Menschen wissen nicht einmal, dass es existiert. Dort können wir …“ – sie zögerte, suchte nach den richtigen Worten – „… dort können wir uns Zeit lassen. Uns langsam entdecken.“

Die letzten Worte hingen zwischen ihnen in der warmen Luft. Michael spürte, wie sein Herz schneller schlug. Sich langsam entdecken. Als wären sie Archäologen, die vorsichtig Schicht um Schicht abtrugen, um darunter etwas Kostbares zu finden.

Der Fiat bog um eine letzte Kurve, und vor ihnen tauchte ein kleines Paradies auf. Die kleine Kirche
„Kimissis tis Theotokou“, erklärte Ioanna, habe einen netten Priester, der sogar etwas Deutsch spreche. Auf dem Platz davor konnten sechs Autos parken. Sie stellten ihres ab und gingen die zweihundert Meter zu Fuß bergab zum Café.

Das Café Orea Elias – „Schöner Elias“ – entpuppte sich als idyllisches Kleinod im Bergdorf Lagoudi. Ioanna erzählte Michael, dass die ursprünglich aus Belgien stammende Besitzerin sich in ihrer Wahlheimat Kos abseits der großen Touristenzentren eine Oase der Kunst, der Entspannung und des Savoir-vivre geschaffen hatte. Dank Google war es zwar kein Geheimtipp mehr, aber dennoch nie überlaufen.

„Das ist unser Ziel“, flüsterte Ioanna, als sie auf die Terrasse spazierten. „Hier gibt es die schönste Aussicht für die Seele.“

Michael blickte sich um. Tatsächlich waren sie fast allein. Nur ein älteres Paar saß am anderen Ende der Terrasse und spielte Backgammon. Die Stille war fast greifbar – unterbrochen nur vom leisen Zirpen der Grillen und dem sanften Flügelschlag der Schmetterlinge.

„Perfekt“, sagte er – und meinte es.

Ioanna lächelte – das erste wirklich entspannte Lächeln, das er an ihr sah. „Ja“, sagte sie. „Das ist es.“

Sie setzten sich an einen Tisch am Rand der Terrasse, von wo aus sie den endlosen Blick über die Ägäis genießen konnten. Ioanna lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen.

Sie schwiegen eine Weile, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, während der Blick über das Meer wanderte. Schmetterlinge tanzten zwischen den Olivenbäumen, und irgendwo in der Ferne läuteten die Glocken einer kleinen Kapelle.

„Lass uns doch morgen nach Kefalos fahren“, sagte Ioanna schließlich, aber ihre Stimme klang vorsichtig, fast zögernd. „Ich hole dich um neun Uhr im Hotel ab und zeige dir einen meiner Seelenorte.“ Sie blickte dabei auf ihre Hände, als hätte sie Angst vor seiner Antwort.

Michaels Herz begann anders zu schlagen – nicht nervös oder ängstlich, sondern mit einer Leichtigkeit, die er lange nicht mehr gekannt hatte. Es fühlte sich an wie damals als Kind, als er seinen ersten selbstgebastelten Drachen hatte steigen lassen. Er konnte sich noch genau an diesen Herbsttag erinnern: wie der Wind unter das bunte Papier gegriffen und es in den Himmel getragen hatte. Wie die Schnur in seinen kleinen Händen vor Spannung und Freude vibriert hatte.

Sein Herz schlug jetzt genauso – voller Erwartung, voller Vertrauen in etwas Wunderbares, das gerade begann.

„Das musst du nicht fragen“, antwortete er leise. „Es war mein Wunsch.“

Michael betrachtete ihr Gesicht im warmen Licht der Mittagssonne. Die langen Wimpern warfen zarte Schatten auf ihre Wangen, und um ihre Mundwinkel lag ein Frieden, den er bei ihr noch nie gesehen hatte. Etwas in ihm veränderte sich in diesem Moment – eine tiefe, stille Verschiebung, als würde eine Mauer in seinem Inneren nicht zusammenbrechen, sondern sich einfach auflösen.

Da, wo gestern noch Angst gewesen war – die Angst vor dem Fühlen, vor dem Verletzlichsein, vor dem Risiko eines neuen Anfangs –, breitete sich jetzt etwas anderes aus. Etwas Weites und Blaues, so endlos wie das Meer vor ihnen. Ein Meer, in dem er schwimmen wollte, ohne nach dem Ufer zu suchen. In dem er sie entdecken wollte, Millimeter für Millimeter, ihre Gedanken und ihre Träume, ihre Narben und ihre Hoffnungen, das Äußere und das Verborgene. Er wollte sie anschauen dürfen, ohne dass Worte nötig waren, ohne Fragen, ohne Erklärungen.

Nur sie und er und diese neue, stille Gewissheit, dass manche Begegnungen nicht zufällig sind – sondern eine Antwort auf Fragen, die man nie zu stellen gewagt hatte.

Erscheinungstermin

Mitte Oktober 2025