Liebe bedeutet für mich nicht, einen Menschen festzuhalten oder seinen Weg zu bestimmen. Sie bedeutet, miteinander unterwegs zu sein, einander Freiheit zu lassen und trotzdem gemeinsam die nächste Biegung zu nehmen.

Mit „Der Liebesfluss“ möchte ich heute den 13. Gedanken aus meinem neuen Buch mit euch teilen.

„Mit 66 lächle ich zurück.
66 Gedanken über das Leben, die Liebe und das, was bleibt.“

Das Buch erscheint Ende Oktober

Der Liebesfluss

Wenn meine Liebe ein Flussbett wäre

und du das Wasser,

würde ich deinem Lauf folgen.

Nicht, um dich festzuhalten.

Sondern um zu verstehen,

wohin das Leben uns tragen will.

Wenn meine Liebe ein Flussbett wäre und die

Frau, die ich liebe, das Wasser, dann möchte ich

diesem Wasser folgen.

Nicht, weil ich wissen muss, wohin es fließt.

Und schon gar nicht, weil ich seinen Lauf

bestimmen möchte.

Ich möchte mitgehen, weil ich neugierig darauf

bin, wohin es uns trägt.

Vielleicht ist genau das eine Vorstellung von

Liebe, die mit den Jahren in mir gewachsen ist.

Früher dachte ich möglicherweise öfter, Liebe

brauche Sicherheit. Man möchte wissen, woran

man ist. Man möchte festhalten, was sich gut

anfühlt. Man möchte verhindern, dass etwas

verloren geht, das einem wichtig geworden ist.

Heute glaube ich, dass gerade das Festhalten

manchmal dazu führen kann, dass Liebe ihre

Leichtigkeit verliert.

Wasser kann ich schließlich auch nicht in meiner

Hand behalten.

Je fester ich zugreife, desto schneller rinnt es mir

durch die Finger.

Ich kann meine Hände aber öffnen, sie ins Wasser

halten und spüren, wie es mich berührt.So empfinde ich inzwischen auch Liebe.

Liebe bedeutet für mich Vertrauen.

Vertrauen in mich selbst. Vertrauen in den

Menschen, den ich liebe. Vertrauen in dieses

Gefühl zwischen uns. Und vielleicht sogar ein

wenig Vertrauen in das Leben, obwohl ich längst

weiß, dass es nicht immer das tut, was ich mir

von ihm wünsche.

Ein Fluss fragt schließlich auch nicht hinter jeder

Biegung, was ihn erwartet. Er fließt.

Manchmal ruhig und beinahe lautlos. Dann

wieder schneller, unruhiger und mit einer Kraft,

gegen die anzukämpfen wenig Sinn hätte.

Es gibt breite Stellen, an denen alles leicht

erscheint. Und es gibt enge Passagen, durch die

man irgendwie hindurchmuss.

Manchmal begegnen uns andere Boote. Es wird

laut und unruhig. Dann gibt es wieder diese

wunderbaren Abschnitte, in denen weit und breit

nichts zu sehen ist und man glaubt, der ganze

Fluss gehöre für einen Augenblick nur uns.

Und immer wieder kommen diese Biegungen.

Ich kann nicht sehen, was dahinter liegt.Vielleicht ist das eine der schwierigsten und

gleichzeitig schönsten Seiten der Liebe.

Nicht alles vorher wissen zu können.

Ich möchte einen Menschen nicht lieben, indem

ich seinen Lauf verändere, bis er zu meinem

passt.

Ich möchte auch nicht, dass jemand meinen

verändert, nur damit wir immer nebeneinander

fließen können.

Liebe muss für mich Freiheit aushalten können.

Die Freiheit, man selbst zu bleiben.

Die Freiheit, eigene Gedanken zu haben, eigene

Wünsche, eigene Freunde, eigene Interessen und

manchmal auch eigene Wege.

Freiheit bedeutet dabei für mich nicht

Beliebigkeit.

Sie bedeutet nicht, dass jeder macht, was er will,

ohne Rücksicht auf den anderen.

Freiheit in der Liebe bedeutet für mich etwas

ganz anderes:

Bei einem Menschen sein zu können, ohne bei

mir selbst weggehen zu müssen.Vielleicht ist das sogar eine der schönsten

Formen von Nähe.

Ich darf frei sein.

Du darfst frei sein.

Und trotzdem entscheiden wir uns füreinander.

Nicht weil einer den anderen hält, sondern weil

beide bleiben wollen.

Natürlich weiß ich, dass ein Fluss sich verändern

kann. Seine Strömung kann stärker werden. Er

kann über die Ufer treten oder sich irgendwann

teilen. Und niemand kann garantieren, dass jede

gemeinsame Reise genau dort endet, wo man es

sich am Anfang vorgestellt hat.

Aber vielleicht muss Liebe diese Garantie auch

gar nicht geben.

Vielleicht genügt es, gemeinsam unterwegs zu

sein und den Mut zu haben, auch die nächste

Biegung zu nehmen.

Ich möchte deshalb der Liebe nicht mehr ständig

vorauslaufen und nachsehen, was hinter der

Kurve kommt.

Ich möchte auch nicht am Ufer stehen und

versuchen, ihren Verlauf zu planen.Ich möchte hinein.

Spüren.

Vertrauen.

Und mich manchmal einfach tragen lassen.

Denn wenn ich eines über die Liebe gelernt habe,

dann vielleicht dies:

Sie braucht Nähe, aber keinen Käfig.

Sie braucht Verbindlichkeit, aber keine Fesseln.

Und sie braucht zwei Menschen, die einander

lieben können, ohne einander besitzen zu

müssen.

Liebe bedeutet für mich nicht, deinen Lauf zu

bestimmen. Sie bedeutet, dir deine Freiheit zu

lassen und trotzdem mit dir weiter zu fließen.

Denn vielleicht ist Vertrauen nichts anderes als

die Freiheit, gemeinsam die nächste Biegung zu

nehmen.