Ein Gedanke aus meinem neuen Buch

„Mit 66 lächle ich zurück.“

66 Gedanken über das Leben, die Liebe und das, was bleibt.

Manchmal gehe ich am Meer entlang, schaue auf das Licht, das Wasser, den Himmel und merke: Ich muss aus diesem Augenblick nichts machen. Ich darf ihn einfach erleben.

In meinem neuen Buch sammle ich 66 Gedanken, die aus meinem Leben gewachsen sind. Über Menschen und Begegnungen. Über das, was gegangen ist, und über das, was in mir geblieben ist. Über die Freude, heute manches mit anderen Augen zu sehen.

Das Buch erscheint Ende Oktober. Einen Gedanken daraus möchte ich schon jetzt mit dir teilen. Er heißt „Die Sterne fühlen“. Es geht um die Freiheit, etwas wunderschön finden zu können, ohne danach greifen zu müssen.

Gedanke 50

„Die Sterne fühlen“

Es sind meist die stillen Momente,

in denen ich die Sterne fühle,

ohne sie anfassen zu wollen.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da wollte ich nach vielem greifen.

Nach Möglichkeiten.

Nach Zielen.

Nach Menschen.

Nach Augenblicken, die schön waren und

deshalb möglichst bleiben sollten.

Vielleicht gehört das zum Leben.

Wenn mir etwas guttut, möchte ich mehr davon.

Wenn mich etwas glücklich macht, möchte ich es

behalten. Und wenn etwas wunderschön ist,

entsteht schnell der Wunsch, es irgendwie

festhalten zu können.

Mit den Jahren hat sich etwas in mir verändert.

Nicht meine Begeisterung.

Nicht meine Sehnsucht.

Und schon gar nicht meine Fähigkeit, mich über

etwas zu freuen.

Aber vielleicht mein Bedürfnis, aus allem, was

mich berührt, etwas machen zu müssen.

Heute gibt es Augenblicke, in denen ich einfach

nur dasitze und etwas schön finde.Mehr nicht.

Vielleicht schaue ich in einen Abendhimmel.

Es ist ruhig.

Über mir die Sterne.

Und natürlich käme ich nicht auf die Idee, meine

Hand auszustrecken, um einen davon

herunterzuholen.

Ich weiß, dass ich ihn nicht erreichen kann.

Aber interessanterweise fehlt er mir deshalb

nicht.

Ich kann ihn sehen.

Ich kann ihn bestaunen.

Ich kann etwas dabei fühlen.

Und das reicht mir.

Vielleicht habe ich genau das erst im Laufe

meines Lebens verstanden:

Nicht alles, was mich berührt, muss mir gehören.

Nicht alles, was ich liebe, muss ich festhalten.

Nicht jeder schöne Augenblick muss

wiederholbar sein.

Nicht jede Begegnung muss für immer dauern.Nicht jeder Ort, an dem ich glücklich war, muss

mein Zuhause werden.

Und nicht jedes Gefühl braucht eine Fortsetzung,

damit es wertvoll gewesen ist.

Manches darf einfach da sein.

Vielleicht nur für einen Augenblick.

Und trotzdem kann es etwas in mir hinterlassen.

Das empfinde ich heute nicht als Verzicht.

Im Gegenteil.

Es fühlt sich nach Freiheit an.

Denn in dem Moment, in dem ich nicht mehr

versuche, etwas unbedingt festzuhalten, kann ich

es vielleicht viel intensiver wahrnehmen.

Dann bin ich nicht schon mit der Frage

beschäftigt, wie lange es bleiben wird.

Ich muss nicht darüber nachdenken, was morgen

daraus wird.

Ich muss keine Zukunft daraus bauen.

Ich darf einfach erleben, was jetzt gerade da ist.

Vielleicht sind es deshalb meistens die stillen

Momente, in denen ich die Sterne wirklich fühle.Wenn mein Kopf nicht sofort beginnt, aus einem

schönen Augenblick einen Plan zu machen.

Wenn mein Herz nichts fordert.

Wenn ich nicht nach dem nächsten Schritt suche.

Dann kann etwas einfach schön sein, weil es

schön ist.

Ich glaube, auch Zufriedenheit hat für mich viel

damit zu tun.

Vielleicht ist Zufriedenheit manchmal die

Fähigkeit, etwas wunderschön finden zu können,

ohne daraus sofort einen Wunsch machen zu

müssen.

Das ist gar nicht so selbstverständlich.

Wir sind gewohnt, nach Dingen zu greifen.

Wir möchten erreichen.

Besitzen.

Bewahren.

Wiederholen.

Aber manches verliert vielleicht sogar einen Teil

seiner Schönheit, wenn ich versuche, es

festzuhalten.

Ein Sonnenuntergang gehört mir nicht.Das Meer gehört mir nicht.

Ein Sternenhimmel gehört mir nicht.

Und trotzdem kann ich mich ihnen für einen

Augenblick unglaublich nah fühlen.

Vielleicht gilt das auch für Menschen.

Ein Mensch muss mir nicht gehören, damit er mir

etwas bedeutet.

Ich kann dankbar sein für eine Begegnung.

Für gemeinsame Zeit.

Für ein Gefühl.

Für einen Augenblick, in dem mir jemand

besonders nah war.

Ich muss daraus keinen Besitz machen.

Denn Nähe und Besitz waren für mich ohnehin

nie dasselbe.

Und vielleicht kann ich einen Menschen sogar

besonders frei lieben, wenn ich nicht ständig

versuche, ihn festzuhalten.

Auch Erinnerungen sind für mich solche Sterne

geworden.

Manche Augenblicke meines Lebens kann ich

nicht zurückholen.Ich kann sie nicht noch einmal genauso erleben.

Aber ich kann an sie denken.

Ich kann mich an ihr Gefühl erinnern.

Und manchmal genügt schon das, um für einen

Moment wieder dieses kleine Leuchten in mir zu

spüren.

Ich muss nicht zurück.

Ich muss den Augenblick nicht wiederholen.

Ich darf einfach froh sein, dass es ihn gegeben

hat.

Das ist für mich vielleicht eine der ruhigsten

Formen von Dankbarkeit.

Nicht zu sagen:

Ich möchte das wiederhaben.

Sondern:

Wie schön, dass ich das erleben durfte.

Vielleicht kann ich heute deshalb häufiger

einfach stehen bleiben und schauen.

Ohne zu greifen.

Ohne festzuhalten.

Ohne sofort aus allem einen Wunsch für morgen

zu machen.Denn wenn ich nach einem einzelnen Stern

greifen wollte, würde ich ihn ohnehin nicht

erreichen.

Wenn ich aber meine Hand unten lasse und

einfach nach oben schaue, liegt plötzlich der

ganze Himmel vor mir.

Und für diesen Augenblick fehlt mir nichts.

Schlussgedanke

Nicht alles, was mich berührt, muss mir

gehören.

Nicht alles, was ich schön finde, muss ich

festhalten.

Manchmal genügt es mir, still zu werden und

zu fühlen, was gerade da ist.

Vielleicht liegt darin eine besondere Freiheit:

den ganzen Sternenhimmel betrachten zu

können, ohne nach einem einzigen Stern

greifen zu müssen.

Manches möchte ich nicht besitzen. Ich möchte

nur froh sein, dass ich es fühlen durfte.